Nicht das Pferd ist das Problem

Sonja BurgemeisterBlogLeave a Comment

Nicht das Pferd ist das Problem

Wenn ein Pferd sich anders verhält als es erwünscht ist, wenn es schnappt, beißt, steigt, durchgeht, austritt oder irgendein anderes Verhalten zeigt, das für den Menschen unbequem ist, wird es schnell als Problempferd abgestempelt. Doch ich bin überzeugt davon: Nicht das Pferd ist das Problem…

Genau wie wir Menschen teilen sich Pferde mit. Doch während wir uns eher verbal mitteilen, sprechen Pferde vor allem über Energie und Körpersprache, seltener auch über Berührungen.

Wenn Pferde sich mitteilen…

Zeigt ein Pferd eins der oben genannten Verhaltensweisen, dann ist es also seine Art (und Möglichkeit) sich mitzuteilen – auch wenn das zuweilen sehr unangenehm für den Menschen werden kann. “Schnappen? Nein, das geht ja gar nicht. Klar kann es sich mitteilen aber das geht zu weit. Wenn mein Pferd das machen würde, dann würde ich ihm direkt eins überziehen!”. Das ist keine ausgedachte Aussage, so und so ähnlich kann man es in diversen Pferdeforen und -gruppen lesen.

Jetzt stellen wir uns mal die Frage: Wie soll sich das Pferd denn mitteilen, wenn es kein Verhalten zeigen darf?

Vor allem ist das Schnappen in den meisten Fällen ein Verhalten am Ende einer Kette aus diversen Vorverhalten, die nicht beachtet, bzw. bemerkt wurden. Auf die der Mensch nicht reagiert hat. Oder die schon bei einem Vorbesitzer etabliert wurden. Das Schnappen – bleiben wir mal bei dem Beispiel – kann eine Strategie des Pferdes sein, die es einmal ausprobiert und die zum Erfolg geführt hat.

Die Gewalt die der Mensch dem Pferd antut, tut er sich eigentlich selbst an

Dem Pferd “eine zu klatschen” wenn es schnappt, das löst sicher nicht das Problem. Es drückt eher die Hilflosigkeit und Überforderung des Menschen aus, der sich gerade nicht besser zu helfen weiß. Und ja, Eigenschutz ist wichtig – doch müssen wir, wenn wir das Problem im positiven Sinne für das Pferd und uns lösen wollen, tiefer in die Symptomatik eintauchen.

Vielleicht scheint es auf den ersten Blick so, als ob es hilft dem Pferd “eine zu klatschen” oder wieder am gehorsam zu arbeiten – aber am Ende ist es die Angst, die das Pferd davon abhält zu schnappen. Meiner Erfahrung nach ist der Umgang mit so einem Pferd wie ein Tanz auf dem Drahtseil. Überhaupt nicht sicher. Die Beziehung steht hier auf einem mehr als bröckeligen Fundament. Und das ist weder gut für den Menschen, noch für das Pferd.

Was aber nun tun?

Zuerst einmal muss herausgefunden werden, was das Schnappen auslöst. Auch ganz wichtig: Mit welcher Energie das Pferd schnappt. Ist es spielerisch? Das kann zum Beispiel auf eine Überforderung hinweisen. Das Schnappen wird zur Übersprungshandlung. Oder setzt es das Schnappen als Abwehr ein? Wirkt es sauer? Wirkt es ängstlich? Oder vielleicht frustriert? Je nachdem mit welcher inneren Haltung das Verhalten gezeigt wird, ist ein anderes Herangehen notwendig.

Gleichzeitig müssen wir uns selbst klar machen, dass das Verhalten des Pferdes sehr, seeeehr wahrscheinlich mit uns zu tun hat (vor allem, wenn gesundheitliche Probleme und gravierende Mängel in der Haltung ausscheiden – hier lohnt es sich aber definitiv auch zweimal hinzusehen). Es ist möglich, dass unsere innere Haltung in Kombination mit unserem Verhalten ( das Verhalten resultiert aus der inneren Haltung) den Ausschlag für das Verhalten des Pferdes gibt. Viele Sachen die gut gemeint sind, können vom Pferd ganz anders wahrgenommen werden.

Nicht alles was gut gemeint ist, ist wirklich gut

Als Beispiel möchte ich das Thema Überfürsorge heranziehen. Wenn das Pferd besonders liebevoll umsorgt, gehegt, gepflegt und gekuschelt wird, ist das vom Menschen natürlich gut gemeint. Doch für das Pferd KANN das einen Übergriff darstellen. Es ist so ähnlich, als würde eine Mutter ihr Kind bemuttern. Das Pferd hat verschiedene Möglichkeiten darauf zu reagieren. Es kann das Ganze einfach über sich ergehen lassen und im Prinzip nicht darauf reagieren. Oder es lässt sich da richtig hineinfallen, wird zum “kleinen Kind”, bei dem der überfürsorgliche Mensch dann noch mehr das Gefühl hat, er muss sich noch mehr kümmern. Oder aber – und hier sind wir beim Schnappen angelangt – es erträgt das nicht und wehrt den Menschen ab. Schnappt das Pferd und der Mensch unterbricht sein Verhalten, dann war die Strategie erfolgreich und wird vom Pferd immer wieder angewendet.

Schnappen oder auch eine der oben aufgezählten Verhaltensweisen können aber auch dann ausbrechen, wenn der Mensch beim Pferd das Fass zum Überlaufen bringt. Oft habe ich das beobachten können, wenn der Mensch unklar kommuniziert, nicht authentisch ist und das Pferd einfach irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes “die Schnauze voll” hat.

Nicht das Pferd ist das Problem

Nicht alles was gut gemeint ist, tut dem Pferd gut…wir müssen nur richtig hinschauen, um es zu erkennen.

Aus Fehlern lernen

Ich selbst hatte die Zähne eine solchen Pferdes in meiner Schulter. Warum? Weil ich unklar und unauthentisch war. Ich wollte zeigen, wie toll ich Pferde ausbilden konnte und habe damals noch mit viel Druck und mit der inneren Haltung “Ich muss der Chef sein” gearbeitet. Das wurde mir zum Verhängnis, als ich dieses eine Pferd unbedingt auf den Zirkel schicken wollte. Auch noch mit einem extrem kurzen Seil, durch das es einfach irgendwann nicht mehr anders konnte, als mir seine Zähne in den Hals zu rammen und mich über den Haufen zu laufen. Nein. Dieses Pferd hat keine Strafe dafür bekommen, denn das Problem war nicht das Pferd, sondern ich. Der Mensch, der sich beweisen wollte und ignoriert hat, dass das Pferd schon vorher deutlich gezeigt hat: “So nicht!”.

So unangenehm diese Erfahrung auch war, ich habe aus ihr gelernt. Ich verurteile mich nicht, denn damals war es die Entscheidung, die ich als Richtig eingeschätzt habe. Und genau das ist es, was so wichtig ist. Aus unseren Fehlentscheidungen zu lernen, statt uns selbst zu verurteilen, denn das hilft ja weder dem Pferd noch uns weiter. Okay, manchmal braucht man auch mehrere Hinweise aus dem Universum, dass man sich auf dem falschen Weg befindet – das ist aber wieder ein anderes Thema.

Nicht das Pferd ist das Problem

Die Pferde geben sich wirklich unheimlich viel Mühe uns zu verstehen. Sie analysieren, kommunizieren und geben uns eine Menge Möglichkeiten, eine echte Freundschaft zu ihnen aufzubauen. Doch zum Glück sagen sie uns auch, wenn etwas nicht stimmt. Nicht immer laut – manchmal auch durch besondere Stille. Wir müssen wirklich verstehen: Nicht das Pferd ist das Problem – sondern unsere Erwartungen und Vorstellungen. Unsere Unachtsamkeit. Unsere Unsicherheiten und Ängste. Manchmal auch unsere Hilflosigkeit und die Gewalt, die dadurch entsteht.

Aus der Angst heraus treffen wir Entscheidungen und kommunizieren wir auf eine Weise, die destruktiv – ja, sogar toxisch ist für die Beziehung zum Pferd. Die Entscheidungen kommen dann nicht mehr aus der Fülle, dem Herzen, sondern aus dem Kopf. Dem Ego. Das Ego ist unser eingebautes Warnsystem. Doch das was es nicht sieht, ist das, was wir wirklich wollen. Es sieht eher Gefahr, als die Chance zu wachsen.

Herz vs. Ego

Denk nochmal zurück an die Situation mit dem Pferd, das mich gebissen hat. Das ist nämlich das perfekte Beispiel: Ich stand da, das Pferd vor mir. Es war total angespannt, blinzelte nicht mehr und seine Augen blitzen unter seinem schwarzen Schopf hervor. Es war sauer! Richtig sauer. Mein Herz sagte: Lass es, dass ist nicht der Weg, der richtig ist. Aber ich hörte auf mein Ego, das viel mehr die Gefahr sah, dass mich die Menschen um mich herum nicht respektieren würden wenn ich jetzt abbrechen würde, als die Gefahr, die vom Pferd ausging. Ich hörte auf die lautere Stimme des Ego’s und kassierte postwendend die Konsequenz dieser Entscheidung.

Seit diesem Erlebnis ist mein Miteinander mit Pferden geprägt davon, dass ich mich von meinem Herzen leiten lasse.

Die Ausstrahlung eines Pferdes sollte überwiegend wach und offen sein.

Du erkennst die Herzstimme daran, dass sie einfach da ist wie ein leises Summen in dir. Sagt das Herz Ja, dann wird es weit in der Brust. Sagt es Nein, dann wird es eng. So ist es auf jeden Fall bei mir. Das, was das Herz mir sagen möchte, ist dann einfach da. Wenn es das Ego ist, dann kommt meist ein “Ja, aber…” oder ein “Aber was ist wenn…”. Das Herz macht sich aber keine Gedanken, überlegt nicht, sondern weiß es einfach. Ich weiß, klingt verrückt – zumindest hätte ich das so damals empfunden. Probier es einfach aus, horch in dich hinein und sammle selbst Erfahrungen damit, wenn du jetzt noch skeptisch auf diese Zeilen schaust.

Zum Ende dieses Blogartikels habe ich noch eine gute Nachricht für dich. Probleme im Miteinander lassen sich oft in kurzer Zeit lösen. Vor allem dann, wenn man früh anfängt zu handeln. Hab auch keine Scheu davor, dir professionelle Unterstützung dazuzuholen, denn dann geht das alles oft noch leichter, als wenn man es allein versucht.

Hast du Erfahrungen mit diesem Thema? Dann teil sie gerne als Kommentar mit mir. Ich bin gespannt, welche Gedanken du dazu hast. 

Du hast Fragen oder suchst Unterstützung auf deinem Weg mit deinem Pferd? Dann schreib mir super gerne eine Mail.

 

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