Freiarbeit

Die ersten Schritte in die Freiarbeit

In Freiarbeit by Sonja Burgemeister14 Comments

Im LibertyBT geht es darum, das Pferd und sich selbst auf Basis der Freiarbeit auszubilden und zu entwickeln. Dabei wird direkt frei mit dem Pferd gestartet, also ohne das Pferd vorher am Halfter zu konditionieren. Natürlich könnte man meinen, dass man dann doch keine Kontrolle über das Pferd hat und es sich entziehen kann. Und ja! Natürlich kann sich das Pferd so dem Einfluss des Menschen entziehen. Aber genau das ist es, was ich dem Pferd in der Freiarbeit ermöglichen möchte. Es soll sich frei ausdrücken und entscheiden können, ob es mit dem Menschen zusammenarbeiten möchte.

Bei der Arbeit mit Halfter und Strick und vielleicht zusätzlich noch Gerte oder Stick, passiert es leicht, dass sich der Mensch auf dieses Equipment mehr konzentriert als auf seine eigene Körpersprache, Gedanken und Emotionen. Für mich hat Freiarbeit nichts mit Kontrolle über das Pferd und antrainieren von Gehorsam zu tun. Ich möchte so frei wie möglich eine Beziehung aufbauen und lasse mir und dem Pferd dabei Zeit.

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Wenn ich von Zeit spreche, dann meine ich Zeit. Egal ob es Stunden, Tage, Monate oder Jahre dauert, bis das Pferd sich mit mir verbinden möchte. Sobald du anfängst Druck aufzubauen, egal ob durch körperliche Präsenz oder eine große Erwartungshaltung, wirst du das Pferd dazu bringen sich von dir tendenziell abzuwenden. Willst du nur Gehorsam und Kontrolle, dann wirst du ein Pferd bekommen, welches für dich das tut was du möchtest. Aber nichts darüber hinaus. Hast du aber eine Beziehung aufgebaut und dir die Achtung deines Pferdes verdient, wird es dir darüber hinaus viel mehr schenken und sich für dich auch mal überwinden und sich an dir orientieren.

Aus Gründen der besseren Überschaubarkeit habe ich das LibertyBT in 3 Phasen eingeteilt:

Phase 1 = Kommunikationsphase

Phase 2 = Verbindungsphase

Phase 3 = Beziehungsphase

Jede einzelne Phase baut auf der vorigen auf und ergänzt sich gegenseitig. Doch die erste Phase, also die Kommunikationsphase ist die Grundlage für alles weitere. Hier fängst du an, ein Band zwischen dir und deinem Pferd zu knüpfen. Je gründlicher du in dieser Phase bist, desto stärker wird dieses Band.

Fang damit an, Zeit mit deinem Pferd zu verbringen. So oft und so lange wie möglich. Stell dir vor, du triffst dich mit deiner besten Freundin und ihr entspannt euch gemeinsam im Garten. Ihr erwartet nichts voneinander, seid einfach zusammen und lebt. Keiner muss sich verstellen, keiner muss etwas leisten. Diese „Übung“ klingt völlig unspektakulär. Erfahrungsgemäß ist sie aber die schwerste Übung überhaupt für die meisten LibertyBT Einsteiger. Der Grund dafür liegt im Menschen selbst. Sie haben das Gefühl, dass sie aktiv etwas machen müssen, damit etwas zwischen ihnen und den Pferden passiert. Diese Erwartungshaltung, die oft selbst auf ihnen lastet, transportieren sie in die Freiarbeit mit ihren Pferden. Sobald sie diese Last aber loswerden, stellt sich ein Gefühl von Leichtigkeit ein und das Pferd fängt an, sich mit dem Menschen wohler zu fühlen.

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Sobald du die Erwartungshaltung so weit wie möglich loslassen konntest, fängst du damit an, deinem Pferd zu signalisieren, dass du gerne mehr Kontakt hättest. Du kannst ihm dafür zum Beispiel deine Hand hinstrecken und es daran schnuppern lassen. Oder du lädst dein Pferd dazu ein zu dir zu kommen, indem du dich etwas zurückziehst wenn es sich in deine Richtung orientiert. Auch ein verbales Lob kann in dieser Situation positiv auf dein Pferd wirken. Zwischendurch solltest du immer wieder zur ersten Übung, dem Zeit verbringen zurückkehren. Eine Beziehung entsteht durch Geben und Nehmen. Schenkt dein Pferd dir Zeit und Aufmerksamkeit, schenkst du ihm Zeit für das was es gerne machen möchte. So entwickelt sich auch direkt ein gewisser Grad an Motivation. Dein Pferd wird dieses Schema schnell durchschauen und wissen, dass du es nicht ausnutzen möchtest.

In der ersten Phase der LibertyBT nimmst du dich also erst einmal zurück und gibst dem Pferd etwas von dir. Außerdem hast du in dieser Phase Zeit um deine persönlichen Themen zu entdecken und dich damit zu beschäftigen. Die persönliche Entwicklung ist wichtig, um deinem Pferd ein verantwortungsbewusster und achtbarer Führer und Partner sein zu können. Auch in den weiteren Phasen wird deine Entwicklung einen hohen Stellenwert einnehmen. Du wirst dich mit jeder Phase weiter entwickeln und du wirst verschiedene Situationen immer leichter fallen, allein weil zum Beispiel dein Selbstbewusstsein gewachsen ist und du selbstsicherer geworden bist.

Ich fasse noch einmal zusammen, welche Schritte du am Anfang des LibertyBT gehen kannst:

  • Verbring Zeit mit deinem Pferd

  • Lass Erwartungen los

  • Beschäftige dich mit den Gedanken und Emotionen, die dir in dieser Phase begegnen

  • Verstärke jede Kontaktaufnahme deines Pferdes mit dir positiv über Raum geben, verbales Lob, Ruhe...

Dieser Einstieg wirkt vielleicht wenig spektakulär, ist aber sehr nachhaltig und die Beziehung kann sich ehrlich aufbauen. Du gewinnst durch dieses Training einen echten Freund, auf den du dich später auch in schwierigen Situationen verlassen kannst. Und das ist doch die Zeit wert, oder?

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Comments

  1. Grundsaetzlich finde ich das sehr gut erklaert und interessant – allerdings stellt sich mir die Frage: sollte “Ruhe und Zurueckziehen” fuer das Pferd erstrebenswert sein? Hier wird es ja als “Lob” eingesetzt sobald das Pferd dem Mensch die Aufmerksamkeit zuwendet. Sehr einfach ausgedrueckt heisst es also: Je schneller du zu mir kommst, desto eher darfst du wieder in die Herde zurueck. Nur ein Gedankenanstoss, man koennte ja durchaus verbales Lob, Futter oder Kraulen als Verstaerker verwenden um zu zeigen “hey, Zeit mit mir verbringen macht Spass!” 🙂

    1. Author

      Hallo Kim,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Natürlich ist das Zurückziehen des Menschen nur eine Möglichkeit, vornehmlich bei Pferden, die bisher übergangen wurden und angefasst, obwohl sie gezeigt haben, dass sie es garnicht wollten (der Besitzer es aber nicht bemerkt hat). Wie in den meisten Fällen muss man hier sagen, es kommt darauf an. Mag das Pferd Berührungen ist natürlich Kraulen und Zuwendung ein tolles Lob, mein Isi geht dabei voll auf und ist motiviert mitzumachen. Mein Tinker reagiert stärker auf verbales Lob und verbale Motivation. Gerade beim Einstieg in die Freiarbeit ist es häufig so, dass es einfacher ist das Pferd erstmal weniger anzufassen (viele Pferde werden angefasst obwohl sie es nicht wollen und der Mensch denkt, das wäre eine Verstärkung. Doch um eine Verstärkung zu erreichen muss das für ein Pferd erstrebenswert sein) und erst einmal aufmerksamer von außen zu schauen, wie das Pferd reagiert. Oft halten die Pferde am Anfang auch Abstand und man kommt garnicht zum Berühren. Beim verbalen Lob besteht schnell die Gefahr, dass man zu viel spricht und dann, wenn das Pferd ganz andere Dinge macht als Aufmerksamkeit zu schenken und die Worte damit keine Bedeutung haben. Bei unsicheren Pferden, die eigentlich Kontakt aufnehmen möchten, sich aber nicht trauen würde ich zum Beispiel verbal dazu motivieren. Wie gesagt, es kommt immer darauf an und natürlich hast du recht, es gibt verschiedenste Möglichkeiten 🙂 Verbales Lob spreche ich im Text ja auch an. Ich denke gerade am Anfang ist es wichtig, sich etwas zurückzunehmen und dem Pferd Raum zu geben, statt es mit einer Erwartungshaltung unter Druck zu setzen. Das ist aus meiner Sicht gerade zu Anfang ein ganz wichtiger und oft der schwierigste Schritt. Ruhe und Zurückziehen ist gerade am Anfang tatsächlich eine Verstärkung, denn durch die oftmals extrem starke Erwartungshaltung des Menschen wenden sich die Pferde anfangs ab. Wenn der Mensch also beim Pferd ist, kurz durch seine Anwesenheit oder sogar schon Fragestellung Aufmerksamkeit vom Pferd bekommt und sich dann in dem Moment zurückzieht, ist das durchaus im Anfangsstadium der richtige Weg und die Pferde wenden sich öfter zu. Aber da muss man eben individuell aufs Pferd gucken.

  2. Das klingt spannend. Aber ich habe ein paar Fragen dazu 😉
    Wie genau funktioniert das “Zeit mit dem Pferd verbringen”? Also, lasse ich das Pferd in seiner Umgebung (Weide/Paddock/…) und geselle ich mich dann dazu? Oder würde ich das Pferd auch auf den Reitplatz bringen und dann -ohne Erwartungen- Zeit mit ihm verbringen?

    1. Author

      Hallo,
      ich finde, dass man sich hier die Gegebenheiten anschauen muss. Grundsätzlich würde ich tatsächlich dort beginnen, wo das Pferd sich normalerweise aufhält, also auf dem Paddock, im Offenstall oder der Weide. Im Normalfall steht ein Pferd ja nicht alleine – andere Pferde sind bei ihm. Fühlst du dich zum Beispiel selbst von den anderen Pferden bedrängt, würde ich dir raten dich mit deinem Pferd an einen anderen Ort zu begeben, wo ihr für euch seid. Hast du aber große Schwierigkeiten mit deinem Pferd und hast Angst es zu führen – oder es ist noch überhaupt nicht halfterführig – dann würde ich mich außerhalb der Umzäunung aber in der Nähe des Pferdes (so nah wie in dieser Situation eben möglich ist) aufhalten und später auch dann zu ihm in den Auslauf. Beim Zeit verbringen geht es zu Anfang wirklich um Passivität. Diese Zeit kannst du unheimlich gut zum Entspannen und Entschleunigen nutzen. Du kannst dir die Situation vorstellen, als würdest du mit einer Bekannten einfach nebeneinander im Gras sitzen und den Himmel beobachten. Beide sind da, teilen Raum und Zeit miteinander, doch keiner führt oder wird geführt. Alles ist neutral. Sobald das Pferd von sich aus, also aus Eigenmotivation heraus Interesse zeigt, beginnt die aktive Phase und die ersten Dialoge kommen zustande.

      1. Lieben Dank für die ausführliche Antwort!!
        Das mit der Herde leuchtet mir ein – das wird bei meinem Pferd wahrscheinlich schnell passieren, dass andere Pferde mich bedrängen?. Insofern ziehe ich wohl den Reitplatz vor?
        Ich habe aber noch eine Frage zum Aufhalten “möglichst in der Nähe des Pferdes” und “Passivität”: heißt “möglichst in der Nähe”, dass ich dem Pferd (mit Abstand) folge, wenn es zum Beispiel von einer Ecke zur anderen läuft ? Das wäre dann ja eine gewisse “Aktivität”?. Oder setze ich mich gemütlich irgendwo hin und beobachte, was passiert?

        1. Author

          Auch hier wieder: Es kommt darauf an!
          Ist das Pferd sehr sensibel, dann kann es gut sein sich wirklich einfach hinzusetzen oder auch zu stellen und einfach nur da zu sein. Dabei sollte man allerdings nicht mit den Gedanken bei der letzten Rechnung sein. Vielmehr sollte man selbst diesen Moment nutzen und aktiv die Eindrücke wahrnehmen. Die Luft auf der Haut, den Geruch der Umgebung etc. Das kann man natürlich auch in der Nähe des Pferdes. Also anhand deines Reitplatzbeispiels kann man natürlich das Pferd begleiten. Dabei spielt es auch erst einmal garkeine Rolle, wo du bist sondern dass du einfach bei ihm bist. Du denkst momentan in Technik. Das Gefühl und die Wahrnehmung sind aber viel wichtiger. Ist es für das individuelle Pferd vielleicht schon zu nah und es fühlt sich bedrängt? Weicht also ständig, wird immer schneller oder legt die Ohren an, schlägt mit dem Schweif und kräuselt die Nüstern? Dann könnte mehr Abstand nicht schaden. Passiv in dem Sinne, dass du nichts von deinem Pferd abfragst oder erwartest. Natürlich darfst du weiter Atmen und Leben 😉 Es geht darum zu sein und diese Momente mit deinem Pferd zu teilen. Versuch da einfach mal deinem Gefühl zuzuhören 🙂 Und schau dann, wie dein Pferd auf dich reagiert. Kann es entspannt sein? Hast du den Eindruck, es fühlt sich gut?
          Ich mache es wirklich so, als wäre ich ein anderes Pferd. Ich halte mich dort auf und tu im Prinzip das was das Pferd macht. Einfach sein und leben 🙂 Wendet es sich dir interessiert und freundlich zu, ist das natürlich auch toll und das kannst du natürlich direkt positiv verstärken. Zum Beispiel indem du dich zurückziehst, einfach Pause machst bzw weiterhin nichts verlangst. Kommt ganz darauf an, was dein Pferd gut findet

  3. Wenn man damit beginnt, beruht dann alles weitere darauf?
    Ich meine, alle anderen Methoden mit seinem Pferd zu sein und zu arbeiten sind dann gestrichen oder?

    1. Author

      Hallo Doreen,
      die Freiarbeit ist tatsächlich Grundlage. Doch das LibertyBT ist darauf ausgelegt, individuell auf jedes Pferd-Mensch Team einzugehen. Das LibertyBT ist hauptsächlich eine grundsätzliche Einstellung bzw Philosophie, die in alle anderen Bereiche wie Longieren, Kappzaumarbeit und Reiten integriert wird. Das LibertyBT ist für Menschen geeignet, die ihren eigenen Weg mit ihrem Pferd gehen möchten.

  4. Ein toller Ansatz,ich bin sehr neugierig geworden.Zeit zusammen zu verbringen,ohne was zu tun,das ist eine Herausforderung für mich.Danke für Deinen Text.

    1. Author

      Hallo Pia, ja das geht vielen so. Ich kann dir aber versprechen, dass du dich freier fühlen wirst, wenn du lernst loszulassen. Natürlich geht das nicht von jetzt auf gleich! Aber es lohnt sich wirklich! Dran bleiben 🙂

  5. Vielen Dank für diesen Text, echt schön geschrieben. Hoffe es folgen noch mehr in diesem Blog…….

    Danke

    1. Author

      Vielen Dank für dein Feedback 🙂
      Ja, das ist auf jedenfall geplant! In meinem Newsletter kündige ich neue Blogartikel immer an 🙂

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