Reiten – Ja oder Nein?

Sonja BurgemeisterUncategorized3 Comments

Reiten

Wir leben in einer Zeit des Wandels, der Rückbesinnung und Wiederentdeckung von Natürlichkeit. Dieser Wandel macht sich auch bei uns Pferdebesitzerinnen bemerkbar. Wir spüren die Last der Erfolgs- und Leistungsorientiertheit in unserer Welt und das damit verbundene Unwohlsein. Nicht umsonst haben Selbstfindungskurse, Yoga und Meditation gerade einen großen Hype, denn viele von uns spüren das Verlangen, die innereigenen Kräfte wiederzuerlangen und Leichtigkeit, Gelassenheit und Freude zurück in unser Leben zu holen. Im Zuge dessen verändern einige Frauen auch ihren Umgang mit Pferden. Oftmals verändert sich die komplette Einstellung zu dem gesamten Pferdethema, bis hin zum Reiten. Oder besser gesagt zum nicht mehr Reiten. Doch hier scheiden sich die Geister, denn genauso wie es Frauen gibt, die nicht mehr Reiten wollen gibt es Frauen, die sich nicht vorstellen könnten, warum sie sonst ein Pferd haben sollten. Schließlich haben sie es dafür gekauft. Doch was ist nun richtig und gibt es überhaupt ein richtig oder falsch?

Warum reiten wir überhaupt auf Pferden? Ursprünglich war das Pferd unser Fortbewegungsmittel, sowohl unter dem Reiter als auch vor der Kutsche. Es ermöglichte dem Menschen, sich schneller von einem Ort zum anderen zu bewegen, als es zu Fuß möglich gewesen wäre. Mit dem Einsatz von Maschinen wurde das Reiten mehr und mehr zur Freizeitbeschäftigung für damals noch eher gut betuchte Menschen, heute auch für den eher durchschnittlichen Verdiener. Was geblieben ist: Das Pferd ist weiterhin in den meisten Fällen ein Gebrauchsgut für den Menschen. Das Pferd ist jederzeit für eine Nutzung verfügbar.

Auch wenn der ein oder andere jetzt an dieser Stelle wegklicken wird: Mich erinnert das an die Sklavenhaltung. Sklaven wurden in Gruppen gehalten und hatten Aufseher, die sich in der Hauptzeit um sie kümmerten (Stallbetreiber, Trainer und Bereiter). Sie wurden von ihnen „ausgebildet“ (eingeritten/beritten) für die Tätigkeiten, die sie zu verrichten hatten, und zwar dann, wenn es der Master (Pferdebesitzer) wollte. Er benutze sie für bestimmte Zwecke (reiten, Spaß und Erfolg haben). Waren sie gefügig, so hatten sie nichts Schlimmeres auszustehen, doch wehe dem, der sich versuchte aufzulehnen oder zu widersprechen. Natürlich gab es dabei softere und härtere Sklavenbesitzer. Doch es bleiben Sklavenbesitzer und es bleibt Sklavenhaltung.

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Doch wer gibt schon zu, dass er ein Pferd benutzt oder gar wie einen Sklaven hält? Benutzen ist eine in der Gesellschaft nicht als positiv angesehene Eigenschaft wenn es um Tiere geht – wer will sich also die Blöße geben oder es sich eingestehen? Doch was ist es, wenn nicht benutzen?

„Warum sollte ich mir ein Pferd kaufen, wenn ich es nicht auch reite? Ich habe dafür bezahlt. Zum Angucken ist mir ein Pferd zu teuer.“. Solche Sätze lese ich immer wieder.

Das Pferd ist also nur Daseinsberechtigt, wenn es etwas leistet? Gut, die Pferde werden auch umsorgt wenn sie krank sind und mal nicht geritten werden können. Doch letztlich zielt die Krankenversorgung dann doch wieder darauf ab, es später einmal wieder reiten zu können.

 „Ein Pferd ist dazu da, um geritten zu werden“. Hat es ansonsten keinen Wert? Aus meiner Sicht spiegelt das die momentane Gesellschaft und ihre Werte wieder. „Du leistest nichts, also bist du nichts wert“. Emotionale Suche nach Freiheit endet nicht selten auf dem Pferderücken. Ja, beim Reiten kann man sich freier Fühlen, doch ist es nicht möglich, das auch auf anderen Wegen zu erreichen? Reiten wir, weil wir in einem System gefangen fühlen oder gar in uns selbst? Revolution im Kleinen auf 4 Hufen? Oder geht es darum, beim Pferd Macht und Kontrolle auszuüben, weil der Mensch außerhalb des Pferdedufts darunter selbst zu leiden hat? Erst vor kurzem habe ich einen guten Spruch dazu gelesen, leider weiß ich nicht mehr den genauen Wortlaut oder den Verfasser davon. Aber in etwa ging er so: Das Pferd spiegelt den Menschen am Stärksten. Und hat darunter am Meisten zu leiden. Lass dieses Zitat ruhig einen Moment auf dich wirken. Als ich ihn gelesen habe, musste ich zustimmend nicken.

Viele Menschen und da zähle ich mich auch zu, reiten ihre Pferde nicht mehr oder nur noch unter bestimmten Voraussetzungen. Die Pferde können entscheiden, ob wir auf ihren Rücken Platz nehmen dürfen oder nicht. Das hat nichts mit Antiautorität zu tun sondern mit Empathie. Wir sehen das Pferd als ein mündiges Lebewesen an, welches Entscheidungen für sich treffen darf. Es geht uns darum, dass ein Pferd kein Objekt ist, welches wir einfach benutzen dürfen.

Das Pferd spiegelt den Menschen am Stärksten. Und hat darunter am Meisten zu leiden.

Verfasser Unbekannt

Ist es schlecht, wenn man sein Pferd nicht reitet? Ist man dann vielleicht einfach nur zu unfähig? Ich denke nicht. Es ist lediglich eine Entscheidung aus den unterschiedlichsten Gründen. Nur weil jemand eine Entscheidung trifft, die nicht der Entscheidung der Masse entspricht, ist er nicht ein schlechterer Mensch. Doch immer wieder erlebe ich, dass diese Menschen ausgegrenzt und belächelt werden. Doch warum? Weil sie ihrem Pferd zuhören, empathisch sind und es nicht benutzen? Ja, das Reiten gilt als die Norm und diejenigen, die es nicht praktizieren oder anders als üblich sind „merkwürdig“. Doch sie haben einfach andere Werte, eine andere Sicht und andere Erfahrungen gemacht. Schön wäre es, wenn es mehr respektiert werden würde, so wie auch diejenigen respektiert und nicht belächelt werden, die sich dafür entschieden haben ihre Pferde zu reiten.

Was zu wenig getan wird, ist hinsehen. Hinterfragen, hinsehen, hinein fühlen und kritisch sein. Das ist es, was wir und vor allem die Pferde heute brauchen. Es ist an der Zeit umzudenken und zu hinterfragen, warum wir machen was wir machen. Und vor allem, wer davon etwas hat.

Mich interessiert deine Meinung zu diesem sehr polarisierenden Thema. Warum reitest du oder warum tust du es nicht? Wenn du gerne reitest, dann verrate mir wie du das umsetzt und vor allem, warum du reitest. Welches Gefühl gibt dir das? Wenn du nicht reitest, dann würde ich gerne von dir wissen, warum du dich dafür entschieden hast. Was ist dein Beweggrund?

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3 Comments on “Reiten – Ja oder Nein?”

  1. Meine Stute hat sich gegen das reiten entschieden. Ich habe lange nicht zugehört, bis zu einem Unfall. Der unser Leben veränderte.

    Also mussten wir bei null beginnen. Wir sind einen ganz anderen Weg gegangen & haben eine ganz andere Beziehung heute. Ich werde oft belächelt und vor allem nicht verstanden.

    Ich sage mir immer, ich möchte mit dem freien Willen des Pferdes arbeiten.

  2. Ich bin ganz deiner Meinung. Mein Mann und ich haben zwei Pferde die wir im Offenstall bei uns am Haus halten. Uns war schon immer wichtig mit den Pferden eine Beziehung auf Augenhöhe zu haben. Unsere Pferde dürfen hinterfragen, eine eigene Meinung haben und eigene Entscheidungen treffen. Dafür sind wir schon immer belächelt worden oder man hat versucht uns zu belehren. Das Ergebniss nämlich Pferde die uns und denen wir absolut vertrauen, die nicht dressiert sondern aus eigenem Willen und Freude etwas mit uns machen hat uns aber immer gezeigt das wir den richtigen Weg gehen. Unsere Pferde sind vom Händler und galten als gefährlich, unberechbar und unreitbar und sollten deshalb zum Metzger nun sind sie menschenbezogen, verschmust und absolute Verlasspferde die mit ihrem Temperament und ihrer Ausstrahlung sowie ihrem Benehmen immer wieder für Komplimente sorgen. Immer wieder hören wir” Ihr habt so tolle Pferde da habt ihr echt Glück beim Kauf gehabt” Nein kein Glück nur die Erkenntniss das Vertrauen keine Einbahnstraße ist und Charakter Raum zum entwickeln braucht. Achja geritten wird bei uns nur wenn das Pferd möchte (unsere Pferde werden nicht angebunden wenn sie Lust haben bleiben sie stehen und lassen sich satteln wenn nicht gehen sie ein paar Schritte weg) und was noch wichtiger ist wenn wir im Gleichgewicht sind also nicht mal schnell um Streß abzubauen nach der Arbeit oder ähnliches. Je nachdem ist das reiten daher eher selten dafür um so schöner und wenn es mal ganz wegfallen würde stört uns das auch nicht. Wichtig ist uns allein die Zeit mit den Pferden.

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