Positive und negative Verstärkung im Liberty Balance Training

Sonja BurgemeisterUncategorized2 Comments

Verstärkung

Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß – sie ist bunt. Das Thema positive und negative Verstärkung ist ein momentan heiß diskutiertes Thema in diversen Foren und SocialMedia-Gruppen. Bislang habe ich mich aus diesem Thema herausgehalten, doch tauchen Fragen in diese Richtung momentan vermehrt auf und deswegen möchte ich einfach einmal Stellung dazu nehmen und meine Meinung mit dir teilen.

Auch wenn es bereits zig Artikel zu dem Thema gibt, möchte ich dir ganz fix erklären, was positive und negative Verstärkung aus lerntheoretischer Sicht bedeutet:

  • Positive Verstärkung

    Positive Verstärkung bedeutet, dass das Pferd für ein bestimmtes Verhalten eine angenehme Konsequenz bekommt. Dadurch wird es das verstärkte Verhalten häufiger zeigen.

  • Negative Verstärkung

    Negative Verstärkung bedeutet, dass ein (meist unangenehmer) Reiz in dem Moment entfernt wird, in dem das Pferd ein bestimmtes Verhalten zeigt. Das bedeutet aber auch, dass erst einmal ein Reiz zugefügt werden muss. Durch dieses Vorgehen wird das Pferd das bestimmte Verhalten ebenfalls häufiger zeigen.

Beide Formen der Verstärkung können zum gleichen Ziel führen, doch die Motivation des Pferdes unterscheidet sich angeblich. Warum ich angeblich schreibe? Weil ich dazu andere Gedanken und vor allem andere Erfahrungen gemacht habe.

Gesagt wird oft, dass das Pferd bei der negativen Verstärkung aus Angst oder Zwang reagiert. Wenn mit negativen Konsequenzen gearbeitet wird, ist das auch tatsächlich so. Reagiert das Pferd auf den Reiz nicht, wird der Reiz noch weiter verstärkt, bis das gewünschte Verhalten vom Pferd gezeigt wird. Oftmals ist das Pferd dabei am Seil und kann sich nicht frei äußern. Oft wird ein „Nein“ des Pferdes aber einfach übergangen und ignoriert, in manchen Fällen auch bestraft. Manche Pferde sind schon so weit in eine Hilflosigkeit versunken, dass sie einfach aufgegeben haben und den ganzen Kram, den Menschen von ihnen verlangen mitmachen. Und weißt du, warum der Mensch den Reiz verstärkt? Weil er möchte, dass das Pferd das macht was er will. Egal, ob das Pferd damit einverstanden ist oder nicht. Und unabhängig davon, ob der Mensch sich überhaupt als würdig erwiesen hat, dass das Pferd so etwas für ihn machen würde. Und besonders dramatisch für die Pferdewelt ist, dass sich die meisten Menschen dessen gar nicht bewusst sind. Denn es wird vieler Orts genau so gelehrt. Auch ich habe früher gelernt, dass das Pferd nicht bocken darf, nicht das Maul aufsperren etc. Und ich habe den Erwachsenen und den Trainern geglaubt, auch wenn ich skeptisch war. Nach und nach ist mir aber ein Licht aufgegangen, denn dieses System fühlte sich einfach grundsätzlich falsch an.

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Allerdings existiert für mich noch eine andere Form der negativen Verstärkung, mit der wir zum Beispiel (in Verbindung mit positiver Verstärkung) im Liberty Balance Training arbeiten. Und zwar die, die nichts damit zu tun hat, dass das Pferd sich benutzen lässt oder gehorsam wird. Einige Pferdemenschen arbeiten auf diese Weise bereits mit ihren Pferden und haben ganz einzigartige Beziehungen zu ihren Pferden damit aufbauen können. Viele dieser Menschen heilen sogar traumatisierte Pferde (und Menschen), bzw. sind durch solche Pferde in diese Richtung der Einstellung zum Pferd gekommen.

Hier darf das Pferd „Nein“ sagen und muss keine unangenehme Konsequenz erwarten. Generell lehne ich ein „benutzbar“ machen des Pferdes ab. Pferde sind keine Sklaven sondern gleichwertige Lebewesen, die ein Recht auf ihre Meinung und eine möglichst freie Entfaltung haben. Wir sind dafür verantwortlich, welches Leben sie führen und welchen Dingen sie ausgesetzt sind. Und dafür sind sie uns nichts schuldig. Weder dir noch mir. Doch positive Verstärkung ist es auch nicht, da ja ein Reiz eingesetzt wird. Das kann eine ausgestreckte Hand in Richtung Pferd sein, eine bestimmte Körperposition des Menschen während das Pferd sich bewegt oder aber auch nur eine bestimmte innere Haltung des Menschen. Aber diese Pferde verlieren durch diese Form der Zusammenarbeit mit dem Menschen ihre Angst. Sie lernen loszulassen und dem Menschen (wieder) zu vertrauen.

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An dieser Stelle wird sich der ein oder andere fragen, wie negative Verstärkung funktionieren soll wenn keine negative Konsequenz für das Pferd folgt. Ich kann dir erklären warum diese Art der Arbeit oder des Umgangs mit dem Pferd so wunderbar funktioniert: Weil das Pferd dabei die freie Entscheidung hat wozu es bereit ist und wozu nicht. Es lernt den Menschen als Lebewesen kennen und nicht als Animateur, Dresseur oder Trainer. Der Mensch muss sich zwangsläufig in der Persönlichkeit weiterentwickeln, damit das Pferd sich überhaupt für ihn interessiert und sich gerne in seiner Nähe aufhält.

Diese Art des Umgangs ist eine Philosophie – eine Lebenseinstellung. Die Beziehung zum Pferd und damit auch Achtsamkeit und Empathie stehen an erster Stelle. Umso gefestigter diese ist, desto mehr wird dein Pferd dazu bereit sein etwas mit dir oder sogar für dich zu tun. Solange du dieses wertschätzen kannst und es nicht (wieder) benutzt. Denn an diesem Punkt werden diese Pferde dicht machen. Durfte ein Pferd bisher keine eigene Meinung haben, so wird es gerade zu Anfang viel schneller „Nein“ sagen, einfach weil es den Umgang mit dem Menschen in der Vergangenheit als nicht angenehm empfunden hat. Das passiert übrigens nicht nur mit Pferden, die bisher mit konventioneller negativer Verstärkung trainiert wurden, sondern auch mit positiver Verstärkung.

Denn auch mit der positiven Verstärkung kann das Pferd benutzbar gemacht und unter Druck gesetzt werden. Allein schon die innere Haltung des Menschen, Fehler in der Anwendung (was natürlich gleichermaßen für die negative Verstärkung gilt) können Pferde massiv unter Druck setzen und Stress auslösen.

Egal ob negative oder positive Verstärkung. Nicht nur das WAS ist entscheidend, sondern vor allem das WIE!

Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, sie ist bunt!

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2 Comments on “Positive und negative Verstärkung im Liberty Balance Training”

  1. Die Einstellung gefällt mir. 🙂 Man kann weder das eine, noch das andere zu deinem “Gott” machen.
    Diese ewig langen Diskussionen über das Thema kommt ja schon zu den Ohren raus. … 😉

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